Grünberg soll keine „Geisterstadt“ werden

PROJEKT; Studenten der Justus-Liebig-Universität suchen den idealen Branchenmix für das Fachwerkstädtchen

Wie könnte der ideale Branchenmix für die Grünberger Innenstadt aussehen? Welches Marketingkonzept könnte fehlendes Gewerbe ansprechen? Dies sind Fragen, mit denen sich rund 20 Studenten der Justus-Liebig-Universität in den nächsten Monaten vor Ort gemeinsam mit Professor Dr. Christian Diller (Stadtgeographie und Raumplanung) und Professor Dr. Alexander Haas (Marketing und Wirtschaftswissenschaften) beschäftigen werden. Das Ganze bezogen auf Grünberg.

Das Fachwerkstädtchen stehe zwar im Vergleich zu anderen Städten gut da, was den Leerstand der» Geschäfte betreffe, sagte Bürgermeister Frank Ide. Doch immerhin sei man noch vor zehn Jahren bei anderen Städten hoch angesehen gewesen, weil die Anzahl der Leerstände sehr gering gewesen sei. Gerade mal zwei Leerstände habe es damals gegeben. Doch die Situation habe sich in den vergangenen Jahren verändert. Mittlerweile zähle man etwa sechs Leerstände in der Kernstadt. Daher überlege man auch in Zusammenarbeit mit der Grünberger Werbegemeinschaft (GWG), wie man dem entgegensteuern, könne. Die Arbeit, die die Studenten nun vor sich haben, nannte Ide in diesem Zusammenhang „sehr bedeutsam“. Grünberg sei als Fachwerkstadt sehr schön. Doch, „wenn die Leute leerstehende Fachwerkhäuser sehen wollen, könnten sie auch in den Hessenpark fahren.“ Johanna Lang (Tourismus- und Stadtmarketingbüro) erläuterte, wie es zu der Zusammenarbeit gekommen sei. Im „Marketingausschuss“ habe man sich des Themas angenommen. Man wolle Grünberg nicht zur „Geisterstadt“ werden lassen und das Ganze konzeptionell angehen. Bernd Messerschmidt vom Präsidium der Werbegemeinschaft betonte, es sei wichtig, nicht nur die sechs bis acht derzeitigen Leerstände zu betrachten, sondern auch an die Zukunft zu denken. Auch solle man sich Gedanken über den Branchenmix machen, damit die Stadt attraktiv für Kunden bleibe. Alexander Haas griff den Ball auf und scherzte: „Ich freue mich, dass Sie von der Praxisseite davon ausgehen, dass wir Wissenschaftler Ihnen in der Praxis helfen können.“ Die Studenten, so erläuterte er das Vorgehen, würden sich in den nächsten Monaten mit den Inhabern verständigen. Mitglieder der Firma Bender sollen per Online-Interview befragt werden. Die Leerstände sollen kategorisiert, außerdem Inhaber von freien Gewerbeflächen interviewt werden.

Der Professor gab Beispiele, welche Maßnahmen Teil eines Marketingkonzepts sein könnten. Mitunter sei es für Vermieter sinnvoll, interessierten Geschäftsleuten mit der Miete entgegenzukommen. Die Gestaltung der Schaufenster habe Bedeutung, insbesondere, wenn ein Ladengeschäft gerade nicht vermietet sei. Man könne die Fläche nutzen, um für die Vermietung zu werben oder auch umgekehrt durch eine ansprechende Gestaltung attraktiv machen. Manchmal sei es auch sinnvoll, Ladengeschäfte zu Wohnraum umzubauen.

Haas sprach außerdem von „Balancen“. So sei es nicht sinnvoll, au die Einkaufszentren auf der grünen Wiese zu verzichten, doch ebenso müsse man beachten, dass die kleineren Geschäfte in der· Innenstadt nicht in Gefahr kämen. Jede Stadt sei zudem anders gestrickt, merkte Ide hierzu an. Es sei sicherlich ein schöneres Einkaufserlebnis, wenn man in einer Innenstadt bummeln könne, als alles im Internet zu bestellen. Auf die Frage nach der Gewerbesteuer antwortete der Bürgermeister: „Das, was die Discounter an Gewerbesteuer hierlassen, ist ein Witz.“ Da hätten die Geschäfte in der Innenstadt über die Einkommenssteuer letztlich mehr Bedeutung.

Die Fragestellungen der Studenten bauen auf den Erkenntnissen einer bundesweiten Studie zur Attraktivität der Innenstädte des Instituts für Handelsforschung im Rahmen einer bundesweiten Befragung auf, die auch in Grünberg durchgeführt worden war. Das „Marketingkonzept zur Vermeidung von gewerblichen Leerständen in Grünberg“ wird mit einem Budget von 3000 Euro durchgeführt. Die Kosten teilen sich die Werbegemeinschaft und die Stadt Grünberg je zur Hälfte.

Die Ergebnisse der Arbeit der jungen Wissenschaftler sollen im Januar vorgestellt werden.